Wie unbeständig Gefühle sind

(Eine Lesung des Textes findest du weiter unten.)

Ein spiritueller Lehrer sagte einmal:

„Schau der Wut ins Auge, und die Wut verschwindet.“

Wenn uns starke Gefühle zu schaffen machen, ist es das Naheliegendste für unseren Geist, auf die Suche nach einer Lösung zu gehen. Angetrieben von einem Gefühl der Ablehnung führt unser Geist alle Lösungsmechanismen aus, die ihm zur Verfügung stehen. Rationalisierung, Pläne schmieden, Schuldzuweisungen. Ungeachtet, ob es für dieses Gefühl überhaupt eine sinnvolle Lösung gibt, setzt unser Lösungsgeist immer wieder von neuem an, bis wir das Gefühl haben, in einer völlig aussichtslosen Gedankenspirale festzuhängen.

Vor einiger Zeit lag ich im Bett und ein Gedanke, eine „wichtige Sache“, hinderte mich am Einschlafen, ausgehend von einer Emotion, die ich nicht fühlen wollte.

Nach einiger Zeit erinnerte ich mich an die Worte des Lehrers. Ich begann, das Gefühl und auch die dadurch auftauchenden Gedanken nur zu betrachten. Wie sie immer wieder zu einer „Lösungsspirale“ ansetzten, die doch nirgendwo hinführt.

Ich tat nichts dagegen, schaute nur zu und gab acht, das bewusste Wahrnehmen dieser Vorgänge nicht zu verlieren. Nach kurzer Zeit blieb nur noch das nackte Gefühl da, ohne alles Denken, denn ohne mein aktives Antreiben ebbte der Gedankenstrom langsam ab. Und ohne alles Denken gab es kurz darauf auch das Gefühl nicht mehr. Das unangenehme Gefühl verschwand unter diesem klaren Blick ganz von alleine.

Ich schaute mich um und konnte das ursprüngliche Gefühl nicht mehr finden. Kurz darauf schlief ich ein. Auch am nächsten Tag schaute ich mich um, aber weder die „wichtige Sache“ noch das Gefühl waren da.

Wenn wir so mit unseren Gefühlen arbeiten, ist es weder ein aktives Lösen im herkömmlichen Sinn, noch ein Verdrängen, noch ein Sich-Ablenken-Von. Wir haben nichts getan, außer zuzusehen, wie unbeständig Gefühle sind.