Das Bewusstsein als Spiegel

(Ein Video mit Lesung des Textes findest du unten.)

Auf dem meditativen Pfad ist ein wesentliches Thema das Entdecken oder auch Freilegen der „Essenz“ des Selbst. Wir sind in unserem Alltag oft so sehr davon überzeugt, dass wir alles Mögliche sind, sodass die Einfachheit unseres eigentlichen Seins unter all den Identifikationen und Projektionen verschüttet wird.

Wenn wir uns auf den Pfad der Meditation begeben, ist eine zentrale Übung, all diese „Ich“-Projektionen durch lockere Beobachtung zu durchschauen und das freizulegen, was zu jedem Zeitpunkt klar und vollständig vorhanden ist: Einfaches Bewusstsein.

Und dieses einfache Bewusstsein kann mit einem Spiegel verglichen werden. Ein Spiegel wählt nicht aus, was vor ihm stattfindet. Er urteilt nicht, hat keine Vorlieben oder Abneigungen. Er reflektiert, wie es seine Beschaffenheit zulässt, jedoch ohne das Reflektierte durch den eigenen Willen zu verändern. Ein Spiegel lässt los und lässt zu, wenn es Zeit ist, ohne Fragen, ohne Anhaftung oder Ablehnung.

Für unseren Alltag können wir uns an diesen Vergleich erinnern, wenn wir bemerken, dass wir wieder einmal wie wild auf das, was sich in und um uns abspielt, reagieren. Wir müssen dann nicht regungslos alles geschehen lassen, aber wir können mit etwas mehr Klarheit die Dinge erkennen und eine angemessene Reaktion wählen.

Für die Meditationspraxis kann dieser Vergleich eine starke Stütze sein. Denn auch der wildeste Gedankenfluss und die stärksten emotionalen Zustände geschehen auf der großen Bühne dieses einfachen, klaren Bewusstseins. Wenn es uns gelingt, von der Bühne herunterzusteigen und uns ins Publikum zu setzen, wird plötzlich alles anders. Wir erkennen, dass da ein grundlegendes Bewusstsein ist, das unberührt ist von all den Dingen, die in ihm vorgehen. Ein Spiegel, der für sich völlig klar bleibt.